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Waite, Smith und der Golden Dawn: Das Deck von 1909

Das Deck, mit dem du auf dieser Seite Karten ziehst, wurde 1909 in London gezeichnet. Hinter ihm stehen ein Geheimorden, ein belesener Mystiker und eine Künstlerin aus dem Theaterkreis um Ellen Terry. Arthur Edward Waite gab die Richtung vor, Pamela Colman Smith malte 78 Bilder, die das Kartenlesen verändern sollten. Bezahlt wurde sie einmalig, ihr Name stand lange nirgends. Dieser Teil erzählt, wie das Waite-Smith-Tarot entstand.

London 1888: ein Orden für Magie

1888 gründeten drei Londoner Freimaurer, William Wynn Westcott, Samuel Liddell MacGregor Mathers und William Robert Woodman, den Hermetic Order of the Golden Dawn. Grundlage waren verschlüsselte Manuskripte unklarer Herkunft, aus denen Mathers ein Gradsystem mit Ritualen und einem Lehrplan aus Kabbala, Astrologie, Alchemie und Tarot entwickelte. Anders als die Freimaurerlogen nahm der Orden Frauen gleichberechtigt auf. Zu den Mitgliedern gehörten der Dichter William Butler Yeats, die Schauspielerin Florence Farr, die Schriftsteller Arthur Machen und Algernon Blackwood und ab 1898 Aleister Crowley. Das Tarot war zentraler Lehrstoff; der Orden hatte eigene Zuordnungen der Trümpfe zu hebräischen Buchstaben und Tierkreiszeichen entwickelt, die von Lévis System abwichen. Zwei Folgen dieser Lehre siehst du bis heute: Der Narr steht am Anfang der Reihe, und Kraft und Gerechtigkeit haben die Plätze acht und elf getauscht. Um 1900 zerbrach der Orden; eine der Nachfolgegruppen führte ab 1903 Arthur Edward Waite.

Arthur Edward Waite

Waite (1857 bis 1942) wurde in Brooklyn geboren und wuchs nach dem frühen Tod des Vaters in London auf. Er arbeitete als Büroangestellter, las sich durch die Bibliothek des British Museum und wurde einer der produktivsten Autoren der englischsprachigen Esoterik; unter anderem übersetzte er Éliphas Lévi. 1891 trat er dem Golden Dawn bei. Magische Praxis interessierte ihn wenig; er suchte einen mystischen Weg und verwarf als nüchterner Historiker die ägyptischen und die Roma-Legenden des Tarot ausdrücklich. Sein Ziel war ein „berichtigtes“ Tarot: Bilder, die seiner Lesart der Symbole entsprachen, ohne die Geheimnisse des Ordens offen zu zeigen. Dafür brauchte er eine Künstlerin, die die Ordenstradition kannte und sich auf seine Vorgaben einließ.

Pamela Colman Smith

Pamela Colman Smith wurde am 16. Februar 1878 in London geboren, Tochter amerikanischer Eltern. Ihre Kindheit verbrachte sie in Manchester, Jamaika und Brooklyn. Dort studierte sie ab 1893 am Pratt Institute bei Arthur Wesley Dow, der seine Studierenden an japanischen Holzschnitten schulte: klare Umrisse, flächige Farben, kühne Bildausschnitte. Smith beendete das Studium nicht, arbeitete aber bereits als Illustratorin, unter anderem jamaikanischer Volkserzählungen, die sie auch selbst vortrug. Zurück in England fand sie Anschluss an das Lyceum Theatre, die Bühne von Henry Irving und Ellen Terry, deren Geschäftsführer Bram Stoker war. Sie entwarf Kostüme und Kulissen, reiste mit der Truppe, und Ellen Terry gab ihr den Spitznamen „Pixie“. Smith illustrierte Bücher von Yeats, gab 1903 und 1904 die kleine Zeitschrift The Green Sheaf heraus und war in Londons Künstlerkreisen eine bekannte Erscheinung.

Eine Besonderheit prägte ihr Werk: Smith sah Musik. Beim Hören von Bach, Beethoven oder Debussy erschienen ihr Farben und Formen, die sie malte. 1907 stellte der Fotograf Alfred Stieglitz diese Musikbilder in seiner New Yorker Galerie aus; sie war die erste Malerin, deren Arbeiten er dort zeigte. 1901 war sie, vermutlich über Yeats, in den Golden Dawn aufgenommen worden und folgte nach der Spaltung Waites Gruppe. Damit war sie genau die Person, die Waite suchte.

Das Deck entsteht

Im Laufe des Jahres 1909 zeichnete Smith die 78 Karten; die Arbeit dauerte vermutlich rund ein halbes Jahr. Für die 22 Trümpfe gab Waite genaue Anweisungen: der Narr als Jüngling am Abgrund, die Liebenden als Adam und Eva unter einem Engel, Kraft auf Platz acht und Gerechtigkeit auf elf. Für die übrigen 56 Karten ließ er Smith vermutlich weitgehend freie Hand. Im Dezember 1909 erschien das Deck beim Londoner Verlag William Rider & Son, zusammen mit Waites kleinem Begleitbuch The Key to the Tarot. 1910 folgte die erweiterte Fassung The Pictorial Key to the Tarot mit Smiths Zeichnungen in Schwarzweiß; das Titelblatt trägt die Jahreszahl 1911. Smith signierte jede Karte mit ihrem verschlungenen Monogramm. Ihr Stil ist unverkennbar: kräftige Konturen wie in Bleiglasfenstern, flache Farbflächen, Hintergründe wie gemalte Bühnenprospekte und Figuren in Posen, die an Schauspieler erinnern.

Die Neuerung: 56 Szenen

Bis dahin zeigten die Zahlkarten aller gängigen Tarots nur Farbzeichen: fünf Schwerter, sieben Münzen, ornamental angeordnet. Wer sie deuten wollte, musste Listen auswendig lernen. Smith gab jeder Zahlkarte eine Szene: zwei Frierende vor einem erleuchteten Kirchenfenster auf der Fünf der Münzen, ein Mann, der unter zehn Stäben fast zusammenbricht, ein Herz, das drei Schwerter durchbohren. Ganz ohne Vorbild war das nicht. 1907 hatte das British Museum Fotografien des Sola-Busca-Tarots von 1491 erworben, des einzigen alten Decks mit bebilderten Zahlkarten; einige Motive Smiths, etwa die Drei der Schwerter, gehen erkennbar darauf zurück. Doch Smith machte aus einer Kuriosität ein Prinzip: Ihre Bilder erzählen, und wer sie ansieht, versteht etwas, bevor er ein Buch aufschlägt. Das machte das Deck zum erfolgreichsten Tarot der Geschichte.

Bezahlung, Name, Rechte

Smith erhielt für ihre Arbeit ein einmaliges Honorar, von dem sie in einem Brief schrieb, es sei sehr wenig Geld gewesen. An den Verkäufen war sie nicht beteiligt. 1911 trat sie zum Katholizismus über, zog später nach Cornwall und lebte von einer Erbschaft, die sie in ein Haus für Feriengäste und Priester steckte. Das Geld reichte nicht. Sie starb am 18. September 1951 in Bude, verschuldet; ihr Nachlass wurde versteigert, und ihr Grab ist unbekannt.

Das Deck wurde lange nach dem Verlag benannt: „Rider“ war William Rider & Son. Diese Bezeichnung ist heute als Marke eines US-Verlags geschützt und gehört als Produktname diesem Unternehmen. Wir sprechen deshalb vom Waite-Smith-Tarot, und das ist mehr als juristische Vorsicht: Es nennt die Frau, die die Bilder gemacht hat. Erst seit den 1970er Jahren, verstärkt zum hundertsten Geburtstag des Decks 2009, wird Smiths Anteil breit gewürdigt. Rechtlich gilt in der Europäischen Union: Ein Werk wird 70 Jahre nach dem Tod seiner Urheberin gemeinfrei. Smiths Karten sind das seit dem 1. Januar 2022, Waites Texte seit 2013. Darum kannst du hier mit den Originalbildern von 1909 ziehen, frei und ohne Lizenz.