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Tarot im 20. und 21. Jahrhundert: Vom Geheimwissen zur Selbstreflexion

Ein Deck aus dem Jahr 1909 ist heute das meistverkaufte Tarot der Welt. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen es fast vergessen war, ein Aufbruch in den Vereinigten Staaten, die Entdeckung durch die Psychologie, ein Boom in Deutschland und zuletzt der Sprung auf Bildschirme. Dieser Teil erzählt, wie aus dem Werkzeug der Okkultisten ein Spiegel für das eigene Denken wurde und warum ausgerechnet das alte Deck heute so frei zugänglich ist.

Stille Jahrzehnte

Nach 1909 blieb das Waite-Smith-Tarot im Programm seines Londoner Verlags und erschien bis in die 1930er Jahre in mehreren Auflagen, ohne großes Aufsehen. Der amerikanische Esoteriker Paul Foster Case brachte 1931 ein eigenes Deck heraus, das Smiths Bilder nachzeichnete und zum Selbstkolorieren gedacht war. In der Literatur hinterließ das Tarot Spuren, etwa in T. S. Eliots Gedicht The Waste Land von 1922 mit seiner Kartenlegerin Madame Sosostris. Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Produktion; neue Bewegung kam in den 1950er Jahren von der anderen Seite des Atlantiks.

Gegenkultur und Stuart Kaplan

1959 erschien in New York eine Ausgabe des Waite-Smith-Tarots mit Waites Begleitbuch, ein Jahr später legte Eden Gray mit The Tarot Revealed die erste von mehreren leicht verständlichen Anleitungen vor. Sie prägte den Gedanken, die 22 Trümpfe als Lebensweg des Narren zu lesen. Das traf auf eine Generation, die sich für Astrologie, I Ging, östliche Religionen und Bewusstseinserweiterung öffnete. In den 1960er Jahren wurde das Tarot Teil der Gegenkultur: in Studentenwohnheimen, in Kommunen, auf Plattencovern und 1973 sogar in einem James-Bond-Film.

Den entscheidenden Schritt machte ein Geschäftsmann. Stuart R. Kaplan (1932 bis 2021) entdeckte 1968 auf der Nürnberger Spielwarenmesse ein Schweizer Tarot, importierte es in die Vereinigten Staaten und gründete U.S. Games Systems. 1971 brachte er in Lizenz des Londoner Verlags das Waite-Smith-Tarot heraus und machte es zum Standard des amerikanischen Marktes; der Name „Rider-Waite“ wurde von seinem Unternehmen als Marke eingetragen. Kaplan blieb Sammler und Forscher: Seine vierbändige Encyclopedia of Tarot erschien 1978 bis 2005, und 2018 veröffentlichte er mit anderen die erste umfassende Biografie Pamela Colman Smiths. Die 1970er Jahre brachten zugleich eine Welle neuer Decks, vom Aquarian Tarot 1970 über das Morgan-Greer Tarot 1979 bis zum runden, feministischen Motherpeace Tarot von 1981. 1969 war außerdem das Thoth-Tarot von Aleister Crowley und Lady Frieda Harris erschienen, entstanden zwischen 1938 und 1943, das eine zweite große Traditionslinie begründete.

Die psychologische Lesart

Parallel verschob sich die Frage, was Tarot eigentlich leistet. Carl Gustav Jung hatte in den 1930er Jahren beiläufig bemerkt, dass die Tarotbilder den Archetypen verwandt seien, jenen Urbildern, die nach seiner Theorie allen Menschen gemeinsam sind. Er selbst arbeitete nicht mit Karten, aber andere griffen den Gedanken auf. 1980 erschien Sallie Nichols’ Jung and Tarot, das die 22 Trümpfe als Stationen der Individuation las. Im selben Jahr legte Rachel Pollack (1945 bis 2023) den ersten Band von Seventy-Eight Degrees of Wisdom vor, 1983 den zweiten, bis heute eines der einflussreichsten Tarotbücher überhaupt. Pollack behandelte das Waite-Smith-Deck als Bildsprache für innere Vorgänge, nicht als Orakel für äußere Ereignisse. Mary K. Greer ergänzte 1984 mit Tarot for Your Self den Gedanken, dass man die Karten für sich selbst legt, schreibend und fragend.

Damit war ein neues Verständnis formuliert: Die Karten sagen nichts voraus. Sie zeigen Bilder, auf die ein Mensch reagiert, und diese Reaktion verrät etwas über ihn. Eine gezogene Karte ist ein Gesprächsanlass mit sich selbst, kein Urteil. Dieses Verständnis liegt auch dieser Website zugrunde.

Deutschland: der Boom der 1980er

In Deutschland war das Tarot bis in die 1970er Jahre kaum präsent; mit der esoterischen Welle der 1980er Jahre kam es mit Wucht. Verlage wie Hugendubel, Knaur, Heyne und Goldmann sowie der Schweizer Kartenhersteller AGMüller brachten Decks und Bücher auf den Markt; 1986 gründeten Evelin Bürger und Johannes Fiebig den Königsfurt Verlag, der sich ganz dem Tarot widmete. Die wichtigste Stimme war Hajo Banzhaf (1949 bis 2009), der 1986 Das Tarot-Handbuch veröffentlichte. Es folgten Schlüsselworte zum Tarot und 1997 Tarot und die Reise des Helden, in dem er die 22 Trümpfe mit Joseph Campbells Mythenforschung verband. Banzhaf schrieb klar, ohne Geraune, und verband Tiefenpsychologie mit Astrologie. Seine Bücher erreichten hohe Auflagen und wurden in viele Sprachen übersetzt; eine ganze Generation hat durch sie Tarot als Instrument der Selbsterkenntnis kennengelernt, nicht als Jahrmarktswahrsagerei.

Indie-Decks, Vielfalt und Bildschirme

Seit den 1990er Jahren wurde das Tarot zum Feld für Künstlerinnen und Künstler außerhalb der Verlage. Crowdfunding-Plattformen machten ab 2009 möglich, ein Deck ohne Verlag zu finanzieren; Kim Krans’ The Wild Unknown von 2012 begann im Eigenverlag und wurde ein Welterfolg. Viele neue Decks reagieren auf das, was im Waite-Smith-Tarot fehlt: Menschen verschiedener Hautfarben, Körper, Geschlechter und Lebensformen. Decks wie Slow Holler, Next World Tarot oder Modern Witch Tarot stehen für diese Entwicklung. Zugleich wanderte das Tarot auf den Bildschirm: Programme für den Heimcomputer, Websites, ab 2008 Apps, Lernplattformen, Videos. Soziale Medien haben in den 2010er Jahren eine neue, junge Szene entstehen lassen, und in den Jahren der Pandemie ab 2020 meldeten Verlage deutlich gestiegene Verkäufe. Das Online-Tarot, mit dem du hier ziehst, steht in dieser Reihe.

Warum ein Deck von 1909 frei ist und ein modernes nicht

Ein Hinweis zum Schluss, der erklärt, warum hier gerade dieses Deck zu sehen ist. In der Europäischen Union erlischt das Urheberrecht an einem Bild 70 Jahre nach dem Tod der Urheberin. Pamela Colman Smith starb 1951, ihre Karten sind seit dem 1. Januar 2022 gemeinfrei; Waites Texte sind es seit 2013. Die Scans der Erstausgabe von 1909 darf also jeder nutzen, bearbeiten und veröffentlichen. Für moderne Decks gilt das nicht: Deren Künstlerinnen und Künstler leben oder sind erst vor Kurzem gestorben, ihre Bilder bleiben noch Jahrzehnte geschützt. Vorsicht gilt sogar bei neueren Ausgaben des Waite-Smith-Tarots, denn Neukolorierungen und Überarbeitungen können eigene Rechte begründen; frei ist das Original von 1909, nicht jede spätere Fassung. Und der Name „Rider-Waite“ ist eine geschützte Marke, weshalb hier konsequent vom Waite-Smith-Tarot die Rede ist. Die Deutungstexte auf dieser Seite sind eigene Texte. So bleibt alles rechtlich sauber, und Pamela Colman Smith bekommt, was ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb: ihren Namen auf dem Deck.