Zum Hauptinhalt springen

Zeittafel: Die Geschichte des Tarot von 1370 bis heute

Die Geschichte des Tarot zieht sich über mehr als 650 Jahre, und wer die fünf Artikel dieser Serie gelesen hat, weiß, wie viele Namen, Städte und Jahreszahlen dabei zusammenkommen. Diese Zeittafel ordnet sie: Sie beginnt mit den ersten Spielkarten in Europa, führt über die italienischen Höfe, die französischen Kartenmacher und die Pariser Okkultisten nach London, wo 1909 das Waite-Smith-Tarot erschien, und endet in der Gegenwart.

Drei Dinge solltest du beim Lesen im Kopf behalten. Erstens: Bei vielen frühen Daten steht ein „um“, weil Karten selten datiert sind und die Forschung mit Rechnungsbüchern, Verboten und Predigten arbeitet. Zweitens: Das Tarot war die ersten dreihundert Jahre ein Spiel; die Deutung beginnt erst im unteren Drittel der Tabelle. Drittens: Alles, was Ägypten, fahrende Völker oder uralte Geheimlehren betrifft, taucht hier erst 1781 auf, denn vorher gibt es dafür keine Quelle. Die Zusammenhänge hinter den einzelnen Zeilen findest du in den fünf Artikeln der Serie.

Die Stationen

JahrEreignis
um 1370Spielkarten, aus der islamischen Welt kommend, werden in Europa erstmals fassbar; Vorbild sind Blätter aus dem Mamlukenreich mit Bechern, Münzen, Schwertern und Polostöcken.
1377Florenz verbietet das neue Kartenspiel; der Dominikaner Johannes von Rheinfelden beschreibt Spielkarten ausführlich in einem lateinischen Traktat.
um 1420Mailand: Marziano da Tortona entwirft für Herzog Filippo Maria Visconti ein Kartenspiel mit sechzehn Götterkarten über vier Farben, ein Vorläufer der Trumpfidee.
1440Florenz: Der Notar Giusto Giusti notiert ein Geschenk von „naibi a trionfi“ an Sigismondo Malatesta, die früheste bekannte Erwähnung eines Trionfi-Spiels.
1442Ferrara: Die Rechnungsbücher des Este-Hofes verzeichnen „carte da trionfi“.
um 1441–1450Mailand: Die handgemalten Decks der Visconti und Sforza entstehen, darunter das Cary-Yale-Deck und das Pierpont-Morgan-Bergamo-Deck (Bonifacio Bembo zugeschrieben, 74 von 78 Karten erhalten).
um 1491Sola-Busca-Tarot, in Kupfer gestochen: das älteste vollständig erhaltene Deck mit 78 Karten und bebilderten Zahlkarten.
um 1500Die Predigtsammlung „Sermones de ludo cum aliis“ nennt erstmals alle 22 Trümpfe mit Namen und Nummern (Datierung zwischen etwa 1470 und 1500); der Cary-Bogen zeigt einen Vorläufer des Marseiller Musters.
1505Die Namen „tarocchi“ (Ferrara) und „taraux“ (Avignon) sind erstmals belegt; das Spiel ist in Frankreich angekommen.
um 1650Paris: Jean Noblet druckt das älteste erhaltene Deck im Marseiller Muster.
um 1701Lyon: Tarot von Jean Dodal (datiert auf etwa 1701 bis 1715).
um 1750Bologna: Eine Handschrift listet Wahrsagebedeutungen für Tarocchino-Karten, der früheste Beleg für Kartenlegen mit Tarot.
1760Marseille: Nicolas Conver druckt das Deck, das zum Maßstab des Marseiller Musters wird.
1770Paris: Etteilla veröffentlicht seine erste Anleitung zum Kartenlegen, noch mit gewöhnlichen Spielkarten.
1781Antoine Court de Gébelin erklärt im achten Band seines „Monde primitif“ das Tarot zum ägyptischen Buch des Thot; der Comte de Mellet verbindet im selben Band die Trümpfe mit den hebräischen Buchstaben.
1783–1785Etteilla veröffentlicht vier Hefte zum Tarot und wird der erste Berufskartenleger.
1789Etteillas eigenes Deck erscheint: das erste Tarot, das ausschließlich zum Deuten gemacht ist.
1854–1856Éliphas Lévi, „Dogme et Rituel de la Haute Magie“: Tarot, Kabbala und hebräisches Alphabet werden zu einem System verbunden.
1870Paul Christian, „Histoire de la magie“: ägyptische Einweihungserzählung; vermutlich Ursprung des Begriffs „Arkana“.
1888London: Gründung des Hermetic Order of the Golden Dawn.
1889Papus, „Le Tarot des Bohémiens“, verbreitet die „Zigeuner“-Legende; Oswald Wirth zeichnet 22 Trümpfe nach Lévis System.
1891 / 1901Arthur Edward Waite (1891) und Pamela Colman Smith (1901) werden in den Golden Dawn aufgenommen.
1909Smith zeichnet die 78 Karten; im Dezember erscheint das Deck bei William Rider & Son in London, mit Waites „Key to the Tarot“.
1910 / 1911Waites „The Pictorial Key to the Tarot“ mit Smiths Schwarzweißzeichnungen erscheint (Titelblatt 1911).
1930Paris: Paul Marteau gibt bei Grimaud den „Ancien Tarot de Marseille“ heraus; der Name setzt sich durch.
1942Arthur Edward Waite stirbt in London.
1951Pamela Colman Smith stirbt am 18. September in Bude, Cornwall, verarmt und weitgehend vergessen.
1959 / 1960New York: Neuausgabe des Waite-Smith-Tarots; Eden Grays „The Tarot Revealed“ (1960) macht das Deck einem breiten Publikum zugänglich.
1971Stuart Kaplans U.S. Games Systems veröffentlicht das Waite-Smith-Tarot in den USA; „Rider-Waite“ wird Markenname.
1980Sallie Nichols, „Jung and Tarot“; Rachel Pollack, „Seventy-Eight Degrees of Wisdom“ (Teil 1): die psychologische Lesart setzt sich durch.
1986Hajo Banzhafs „Das Tarot-Handbuch“ erscheint; Höhepunkt des Tarot-Booms in Deutschland.
2009Hundert Jahre Waite-Smith-Tarot; Crowdfunding ermöglicht in den folgenden Jahren eine Welle unabhängiger Decks.
20221. Januar: Pamela Colman Smiths Karten von 1909 werden in der EU gemeinfrei (Waites Texte bereits seit 2013).
heuteTarot lebt doppelt: als Kartenspiel (Tarock, Tarot, Tarocchi) und als Werkzeug der Selbstreflexion, gedruckt, in Apps und online.