Der Ursprung des Tarot: Ein Kartenspiel aus Norditalien
Wer heute Tarotkarten in die Hand nimmt, denkt an Deutung, Symbolik und vielleicht an uralte Geheimnisse. Die Geschichte selbst ist nüchterner und zugleich spannender: Das Tarot entstand im 15. Jahrhundert an den Höfen Norditaliens als Kartenspiel mit einer zusätzlichen Reihe von Trumpfkarten. Dieser Artikel verfolgt den Weg von den ersten Spielkarten in Europa bis zu den handgemalten Prachtdecks der Familien Visconti und Sforza.
Spielkarten erreichen Europa
Bevor es Tarot geben konnte, musste es Spielkarten geben, und die kamen nicht aus Europa. Vermutlich entstanden sie in China und kamen über die islamische Welt zu uns. Im Mamlukenreich in Ägypten und Syrien wurden im 15. Jahrhundert Karten gespielt, die uns erstaunlich vertraut vorkommen: Ein fast vollständiges Blatt, heute im Topkapı-Palast in Istanbul, hat vier Farben mit je zehn Zahlkarten und drei Hofkarten. Die Farbzeichen sind Becher, Münzen, Schwerter und Polostöcke; die Hofkarten tragen kalligrafische Titel statt Figuren.
Über die Handelswege des Mittelmeers erreichten solche Karten Europa. Bis in die 1370er Jahre fehlt jede verlässliche Spur, dann häufen sich die Erwähnungen schlagartig. 1377 verbot Florenz das Kartenspiel, im selben Jahr beschrieb der Dominikaner Johannes von Rheinfelden in einem lateinischen Traktat ein Spiel, das in diesem Jahr „zu uns gekommen“ sei. Noch vor 1400 waren Karten in Italien, Spanien, Frankreich und im deutschen Sprachraum verbreitet.
Die Italiener machten aus den Polostöcken, die sie nicht kannten, schlichte Stäbe. So entstanden die vier italienischen Farben Coppe, Denari, Spade und Bastoni, also Kelche, Münzen, Schwerter und Stäbe, die das Tarot bis heute trägt. Als Hofkarten dienten Bube, Ritter und König; die Königin kam erst in Europa hinzu.
Die Idee des Trumpfs
Das eigentlich Neue am Tarot war nicht das Blatt mit vier Farben, sondern eine fünfte Reihe von Karten, die alle anderen stach. Einen Vorläufer gab es um 1420 in Mailand: Herzog Filippo Maria Visconti ließ sich von seinem Sekretär Marziano da Tortona ein Spiel ausdenken, in dem über den vier Farben, hier Vögel, sechzehn antike Götter und Helden standen. Ein Tarot war das noch nicht, aber das Prinzip einer übergeordneten Bilderreihe war in der Welt.
Das Tarot hieß zunächst anders: Die Quellen des 15. Jahrhunderts sprechen von trionfi, Triumphen. Das Wort meinte den festlichen Umzug allegorischer Figuren in fester Rangfolge und spielte wohl auch auf Petrarcas gleichnamigen Gedichtzyklus an, in dem Liebe, Keuschheit, Tod, Ruhm, Zeit und Ewigkeit einander überwinden. Genau so funktioniert die Trumpfreihe: Der Gaukler steht unten, darüber die weltlichen und geistlichen Herrscher, dann Tugenden, Schicksalsmächte, Himmelskörper und zuletzt das Jüngste Gericht und die Welt. Übrigens stammt unser Wort „Trumpf“ von diesem trionfo ab.
Die frühesten Belege: Florenz, Ferrara, Mailand
Die älteste heute bekannte Erwähnung stammt aus Florenz. Der Notar Giusto Giusti aus Anghiari notierte in seinem Tagebuch, er habe im September 1440 dem Söldnerführer Sigismondo Pandolfo Malatesta ein Spiel naibi a trionfi geschenkt, geschmückt mit dessen Wappen. Dieser Eintrag ist erst seit den 2000er Jahren bekannt; davor galt Ferrara als ältester Beleg: In den Rechnungsbüchern des Este-Hofes wird im Februar 1442 die Bezahlung für carte da trionfi verbucht, bestimmt für junge Mitglieder der Familie. Mailand liefert die prächtigsten Zeugnisse, Bologna eine eigene, bis heute lebendige Tradition.
Zu Bologna gehört eine Legende: Ein Fürst namens Francesco Fibbia, gestorben 1419, soll das Spiel erfunden haben; die Behauptung stammt von einem Porträt des 17. Jahrhunderts und hat keinen zeitgenössischen Rückhalt. Sicher ist nur, dass das Spiel um 1440 in mehreren norditalienischen Städten fast gleichzeitig fassbar wird. Die Trumpfreihe hatte dabei keine festen Nummern. Jede Region spielte mit ihrer eigenen Reihenfolge; die Forschung unterscheidet drei Hauptordnungen für Bologna und Florenz, Ferrara sowie Mailand.
Visconti-Sforza: Kunstwerke zum Spielen
Erhalten sind aus dieser Zeit fast nur die handgemalten Luxusdecks der Mailänder Herzöge, die man wie Schmuck verwahrte; gedruckte Alltagskarten wurden abgegriffen und weggeworfen. Das Cary-Yale-Deck in der Yale-Universität entstand vermutlich in den 1440er Jahren und enthält zusätzliche Karten, etwa die theologischen Tugenden und weibliche Ritter. Das Brera-Brambilla-Deck in Mailand ist nur fragmentarisch erhalten. Am vollständigsten ist das Pierpont-Morgan-Bergamo-Deck von etwa 1450, verteilt auf New York, Bergamo und Privatbesitz. 74 von 78 Karten sind da; es fehlen Teufel, Turm, die Drei der Schwerter und der Ritter der Münzen.
Die Malerei wird dem Cremoneser Künstler Bonifacio Bembo und seiner Werkstatt zugeschrieben, eine Signatur gibt es nicht. Die Karten sind groß, die Hintergründe mit Blattgold belegt und punziert. Zahlen oder Namen tragen die Trümpfe nicht. Wer spielte, wusste, dass der Papst über dem Kaiser steht und der Tod über dem Gehängten.
Eine Predigt und die erste Trumpfliste
Die Namen der frühen Trümpfe verdanken wir ausgerechnet einem Gegner des Spiels. In einer lateinischen Predigtsammlung, den Sermones de ludo cum aliis, die um 1500 in Norditalien entstand (die Datierung schwankt zwischen etwa 1470 und 1500), zählt ein Prediger die 22 Trümpfe mit Nummern auf, um das Teufelswerk zu geißeln. Die Liste beginnt mit El bagatella, dem Gaukler, und endet mit der Welt und dem Narren, El matto, ohne Nummer. Manche Namen überraschen: Der Eremit heißt hier El gobbo, der Bucklige, und statt des Turms steht La sagitta, der Blitzpfeil. Die Bilder waren bekannt, ihre Deutung noch nicht erstarrt.
Sola-Busca: Bilder auf allen Karten
Ein Deck aus dieser Zeit fällt aus dem Rahmen: das Sola-Busca-Tarot, benannt nach seinen früheren Mailänder Besitzerfamilien und seit 2009 in der Pinacoteca di Brera. Es wurde um 1491 in Kupfer gestochen und ist das älteste vollständig erhaltene Tarot mit 78 Karten. Seine Trümpfe zeigen antike Feldherren statt Päpsten und Tugenden, und, einzigartig für die Zeit, jede Zahlkarte trägt eine Szene mit Figuren. Über vierhundert Jahre später sah Pamela Colman Smith Fotografien dieser Karten im British Museum und griff einige Motive auf.
Was bleibt
Das Tarot des 15. Jahrhunderts war ein Gesellschaftsspiel der Oberschicht, teuer, prächtig und ohne Anspruch auf Geheimwissen. Seine Trümpfe sind Allegorien ihrer Zeit: Herrscher und Kirche, Tugenden, Fortuna und Tod, Gestirne und Jüngstes Gericht. Nichts daran ist ägyptisch, nichts kam mit fahrendem Volk aus dem Osten; diese Erzählungen entstanden erst im 18. Jahrhundert. Zunächst aber wandert das Spiel über die Alpen nach Frankreich.