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Tarot de Marseille: Wie ein Spiel seinen Standard fand

Das Tarot blieb nicht lange ein Vergnügen italienischer Höfe. Mit Soldaten, Händlern und Druckern wanderte es im 16. Jahrhundert nach Frankreich und in die Schweiz, wo es zum Massenprodukt wurde. In den Werkstätten von Lyon, Paris und Marseille entstand ein Bildmuster, das Jahrhunderte überdauerte und heute als Tarot de Marseille bekannt ist. Dieser Teil erzählt von Holzschnitten, Schablonen und einem Spiel, das in Europa bis heute gespielt wird.

Über die Alpen

Als französische Heere ab 1494 nach Italien zogen, lernten Soldaten und Offiziere das Spiel kennen, und mit ihnen kam es zurück. Schon 1505 taucht in Avignon das Wort taraux auf, im selben Jahr in Ferrara tarocchi; von da an verdrängt der neue Name das ältere trionfi. Woher das Wort kommt, ist bis heute ungeklärt. Lyon, mit seinen Messen und Druckereien eine der wichtigsten Handelsstädte Europas, wurde schnell zum Zentrum der Kartenmacherei. Von dort breitete sich das Spiel in den Osten Frankreichs, in die Westschweiz und den deutschen Sprachraum aus, wo es Tarock hieß. In Italien blieb es ohnehin lebendig, vor allem in Bologna, im Piemont und auf Sizilien.

Holzschnitt, Schablone, Steuerstempel

Kartenmacher, in Frankreich maîtres cartiers, waren Handwerker mit Zunftordnung. Sie schnitten die Linien eines ganzen Bogens in Holz, druckten ihn auf Papier, kolorierten mit Schablonen in wenigen Farben, meist Rot, Blau, Gelb, Grün und einem Fleischton, klebten mehrere Lagen zu einem festen Karton und schnitten die Karten aus. Die Zwei der Münzen trug traditionell ein Band mit dem Namen und oft dem Datum des Herstellers, weshalb wir viele Werkstätten kennen. Ab dem 18. Jahrhundert kamen Steuerstempel hinzu, denn der Staat hatte das Spielkartengeschäft als Einnahmequelle entdeckt. Marseille wurde in dieser Zeit zum wichtigsten Exportplatz; von dort gingen Tarots in großer Zahl nach Italien zurück, in das Land ihrer Herkunft.

Das Marseiller Muster

Das Bildschema, das wir heute Tarot de Marseille nennen, hat vermutlich Mailänder Wurzeln. Ein ungeschnittener Druckbogen von etwa 1500, der sogenannte Cary-Bogen in Yale, zeigt bereits Figuren, die den späteren französischen Trümpfen stark ähneln. Das älteste erhaltene vollständige Deck dieses Typs stammt jedoch aus Paris: Jean Noblet druckte es um 1650; es liegt heute in der französischen Nationalbibliothek. Es folgen Jean Dodal in Lyon, dessen Karten auf etwa 1701 bis 1715 datiert werden, Jean-Pierre Payen in Avignon 1713 und schließlich Nicolas Conver in Marseille, dessen Deck von 1760 zum eigentlichen Maßstab wurde. Convers Druckstöcke blieben über Generationen im Gebrauch, und als der Pariser Verleger Paul Marteau 1930 bei Grimaud eine Neuausgabe als „Ancien Tarot de Marseille“ herausbrachte, war der Name endgültig gesetzt. Aufgekommen war er vermutlich schon im 19. Jahrhundert; die Kartenmacher selbst hatten ihn nicht benutzt.

Die Forschung unterscheidet zwei Typen des Musters, die sich in Details einzelner Trümpfe unterscheiden. Daneben entstand im östlichen Frankreich, in der Schweiz und in Süddeutschland eine Variante, das Besançon-Tarot, in der Päpstin und Papst durch Juno und Jupiter ersetzt sind. Das vermied Ärger mit katholischen wie protestantischen Empfindlichkeiten.

78 Karten: der Aufbau

Ein Tarot de Marseille hat 78 Karten in zwei Gruppen. Die 22 Trümpfe, französisch atouts, tragen römische Zahlen von I bis XXI sowie Namen in Großbuchstaben: Le Bateleur, La Papesse, L’Impératrice, L’Empereur, Le Pape, L’Amoureux, Le Chariot, La Justice, L’Ermite, La Roue de Fortune, La Force, Le Pendu, die namenlose XIII mit dem Sensenmann, Tempérance, Le Diable, La Maison Dieu, L’Étoile, La Lune, Le Soleil, Le Jugement, Le Monde. Dazu kommt Le Mat, der Narr, ohne Zahl. Die 56 übrigen Karten verteilen sich auf die vier Farben Bâtons, Coupes, Épées und Deniers mit je zehn Zahlkarten vom Ass bis zur Zehn und vier Hofkarten: Valet, Cavalier, Reine, Roi. Die Zahlkarten zeigen keine Szenen, sondern nur die Farbzeichen, kunstvoll angeordnet: gekreuzte Stäbe, gebogene, ineinander verschlungene Schwerter, von Blattwerk umrankte Kelche und Münzen. Merke dir die Nummern von Gerechtigkeit (VIII) und Kraft (XI): Im vierten Teil der Serie werden sie vertauscht.

Wie man Tarot spielt

Tarot ist ein Stichspiel. Wer ausspielt, bestimmt die Farbe; die anderen müssen bedienen, und wer nicht bedienen kann, muss einen Trumpf legen. Trümpfe stechen jede Farbe, höhere Trümpfe niedrigere. Der Narr ist eine Ausnahme: Er sticht nichts, kann aber jederzeit gespielt werden, um einen Stich zu „entschuldigen“, und bleibt dabei beim Besitzer. Gezählt werden am Ende die Punkte der gewonnenen Karten, wobei Könige und drei besondere Karten am wertvollsten sind: der kleinste Trumpf, der höchste Trumpf und der Narr. Im heutigen französischen Tarot spielen vier Personen, eine davon nach einer Reizrunde allein gegen drei. In älteren Formen, etwa im Grand Tarot des 18. Jahrhunderts, saßen drei am Tisch, und das ganze Blatt mit 78 Karten wurde verteilt.

Tarock und Tarocchi heute

Als Spiel lebt das Tarot bis heute, allerdings fast überall unter anderem Namen. In Frankreich gibt es seit 1973 einen eigenen Verband, Turniere und ein standardisiertes Blatt mit französischen Farben und Genreszenen auf den Trümpfen. Österreich spielt Königrufen, Tapp und weitere Varianten mit 54 Karten und ist das Land, in dem Tarock am tiefsten im Alltag verwurzelt ist; auch in Ungarn, Tschechien und Slowenien wird gespielt. In Italien hält Bologna am Tarocchino mit 62 Karten fest, das Piemont am vollen Blatt, Sizilien an einem eigenen Satz. In Graubünden heißt das Spiel Troccas, im Wallis Troggu. In Bayern trägt das Haferltarock oder Bayerische Tarock zwar den Namen, wird aber mit gewöhnlichen 36 Karten gespielt und ist streng genommen kein Tarotspiel mehr. Alle diese Spiele verbindet, dass sie das Deck als das benutzen, wofür es erfunden wurde. Die Idee, in den Karten zu lesen, kam erst später, und zwar nicht von Spielern, sondern von Gelehrten.